20.11.2017 12:37 Alter: 1 Jahre
Category: Tiermedizin

Verdauungsstörungen

die Folgen einer Bakterienverschiebung im Darm

Schon eine zu rasche Futterumstellung beim Welpen oder ein Leckerli zuviel kann zu Durchfällen führen. Das schwächt seinen Organismus und macht anfällig für andere Infektionen. ©Foto: Oliver Haja/pixelio.de
Schon eine zu rasche Futterumstellung beim Welpen oder ein Leckerli zuviel kann zu Durchfällen führen. Das schwächt seinen Organismus und macht anfällig für andere Infektionen. ©Foto: Oliver Haja/pixelio.de

Wie verdaut der Hund?

Der Hund nimmt die Nahrung sehr schnell auf, lediglich harte Teile werden durch Kauen zerkleinert. Der Speichel enthält keine Verdauungsenzyme. Er dient vor allem dazu, die Nahrung durch Einspeicheln gleitfähig zu machen.

Im Magen werden Proteine (Eiweiße) aufgespalten. Der Magensaft enthält keine Enzyme, die Fette und Kohlenhydrate aufspalten können. Deshalb ist der Magen für die Verdauung dieser Nahrungsbestandteile unbedeutend. Durch den Salzsäuregehalt des Magensafts wird ein großer Teil der mit der Nahrung aufgenommenen Bakterien vernichtet.

Die Verdauung findet hauptsächlich im Dünndarm statt. Die in großer Zahl im Dünndarm lebenden unterschiedlichen Mikroorganismen (Darmflora) sorgen für den Ablauf der Verdauungsvorgänge. Der Nahrungsbrei wird in komplizierten physikalisch-chemischen Prozessen abgebaut und verwertet. Dabei freiwerdende Vitamine, Aminosäuren und Fettsäuren sowie die aus der Nahrung abgespaltenen Mineralstoffe und Spurenelemente gelangen über die Blut- und Lymphbahnen in den Organismus des Tieres. So spielen z.B. eine einwandfreie Fettverdauung eine wichtige Rolle für die Resorption der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K.

Eine funktionierende Verdauung ist wichtig, um die Zufuhr von Energiequellen und Nährstoffen zu sichern, die unentbehrlich für die Deckung des täglichen Bedarfes sind. Voraussetzung einer geregelten Verdauung ist die richtige Zusammensetzung der Futterration und die Verdaulichkeit der darin enthaltenen Bestandteile. Verdauungsstörungen beeinträchtigen die Nahrungsverwertung, lösen Gesundheitsstörungen mit Anzeichen von Appetitlosigkeit, Abmagerung und Mattigkeit aus. Halten Darmstörungen über einen längeren Zeitraum an, macht sich eine Mangelernährung der Haut, gekennzeichnet durch Ekzeme, Juckreiz und Haarausfall bemerkbar.

Funktion der Darmflora

Eine gesunde, stabile Darmflora ist von entscheidender Bedeutung für den normalen Ablauf der Verdauungsvorgänge im Dünndarm. Die natürlichen Bewohner des Dünndarmes leben unter günstigen Bedingungen in einem physiologischen Gleichgewicht. Auf der Darmschleimhaut anhaftend, bilden sie zugleich einen Schutzfilm als Barriere gegen Fremdkeime.

Jede Veränderung des äußerst empfindlichen, mikrobiellen Gleichgewichtszustandes im Dünndarm, beeinträchtigt die Verdauungstätigkeit und damit das Wohlbefinden des Hundes durch eine vom Darm ausgehende Belastung für den Gesamtorganismus.

Die häufigste Ursache für Veränderungen der Darmflora und daraus resultierende Verdauungsstörungen sind unverträgliche Futterstoffe, auch Fütterungsfehler gehören dazu:
- zu schneller Futterwechsel (vor allem beim Welpen, aber auch auf Reisen)
- zu heißes oder zu kaltes Futter
- stark gewürzte Speisereste
- rohe Leber, Lunge, Milz
- abgestandenes Futter (Sommer)
- allergene Futterbestandteile (z.B. Konservierungsstoffe)

Gelangen unverträgliche Futterstoffe in den Magen und den Dünndarm, verändern sie dort den Verdauungsbrei, der zu faulen oder zu gären beginnt. Dadurch verändert sich der ph-Wert im Darm, was wiederum zu einer Störung der für die Verdauung wichtigen Darmbewohner führt, die keine optimalen Lebensbedingungen mehr vorfinden. Durchfall mit erhöhter Infektionsgefahr ist die Folge.

- Notwendiger und richtiger Einsatz von Arzneimitteln kann ebenfalls zur Störung der Darmflora führen:
Werden zur Behandlung von Infektionskrankheiten Antibiotika oral verabreicht, greifen diese nicht nur die krankmachenden Erreger an, sondern mehr oder weniger auch die erwünschten, lebenswichtigen Darmbewohner. Das Gleichgewicht im Darm wird gestört. Auch bei der Bekämpfung von Darmparasiten, wie z.B. Würmern oder Kokzidien, kann diese Unstimmigkeit im Darm entstehen. 

Lactobacillus – Foto:©Janice Carr/CDC/Dr.Mike Miller/wikimedia commons
Lactobacillus – Foto:©Janice Carr/CDC/Dr.Mike Miller/wikimedia commons

- Streß kann ebenfalls Darmstörungen auslösen:
Streßfaktoren, wie z.B. Angst, Aufregung, Transport, Hitze, um nur einige zu nennen, lösen über Nervenreize hormonelle Reaktionen aus, die eine allgemeine belastende Wirkung auf den Organismus und damit auch auf den Verdauungstrakt ausüben. Die Abläufe in den Beispielen wurden stark vereinfacht dargestellt. Entscheidend ist, daß bei jeder Darmstörung, gleich welcher Ursache (infektiös oder nichtinfektiös) zu einem bestimmten Zeitpunkt eine ph-Wert-Verschiebung im Dünndarm auftritt, die zu einer Milieuveränderung führt. Durch diese Milieuveränderung können Colibakterien, die zur natürlichen Besiedelung des Dickdarmes gehören, in den Dünndarm aufsteigen und sich dort massiv vermehren. Sie verdrängen die durch die Milieuveränderung geschwächten, natürlichen Bewohner des Dünndarms, insbesondere die milchsäurebildenden Bakterien auf den Dünndarmzotten. Colibakterien sondern giftige Substanzen ab, die unmittelbar auf die Zellmembran der Dünndarmzotten einwirken und damit eine starke Flüssigkeitsabsonderung in den Darm hervorrufen. Das sichtbare Symptom dieses Vorganges ist die katarrhalische Enteritis (Darmentzündungen mit wäßrigem Durchfall).

Auch wenn die Ursachen für die Störung der Darmflora abgestellt werden, dauert es je nach Zerstörungsgrad bis zu 4 Wochen, bis sich die natürliche mikrobielle Besiedelung des Darmes von selbst wieder einstellt. Während dieser Erholungsphase ist der Hund für eine erneute Darmstörung oder Darminfektion besonders anfällig.

Möglichkeiten, die Darmflora zu unterstützen und zu erhalten

In der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung werden seit Jahren zur Vorbeuge und Behandlung von ernährungsbedingten Darmstörungen Präparate erfolgreich eingesetzt, die milchsäurebildende Bakterienkulturen enthalten. Derartige antibiotikafreie Produkte, auch Probiotika genannt, gibt es auch für Hunde und haben als „Functional Food“ die menschlichen Lebensmittel erreicht. Diese Präparate enthalten vermehrungsfähige, getrocknete milchsäurebildende Bakterien vom Stamm Enterococcus faecium, der natürlicherweise auch im gesunden Darm bei fast allen Tierarten, ebenso beim Menschen, vorkommt und deshalb als völlig unbedenklich anzusehen ist. Die Keime sind so konserviert, daß sie die Magenpassage unbeschadet überstehen.

Was bewirkt die Verabreichung von milchsäurebildenden Bakterien?

Nachdem die verabreichten Enterococcus faecium-Keime den Magen passiert haben, erreichen sie den Darm, erwachen dort aus ihrem „Konservierungsschlaf“, vermehren sich sehr rasch und bilden Milchsäure. Der positive Einfluß dieser Keime auf die Darmflora beruht auf dem Zusammenspiel mehrerer Wirkungsmechanismen, von denen die wichtigsten wie folgt beschrieben werden können:

  • Durch die produzierte Milchsäure wird im Darm ein stabiles, saures Milieu geschaffen. Die Vermehrung unerwünschter oder krankmachender Darmbewohner, deren Wachstumsoptimum im alkalischen Bereich liegt, wird gehemmt. Gleichzeitig fördert dieses saure Milieu die Ausbildung der erwünschten, nützlichen Darmflora (Laktoflora). Dadurch wird die ausgeglichene, mikrobielle Besiedelung des Darmtraktes stabilisiert oder wieder hergestellt.
  • Die verabreichten Bakterienkulturen haften schon nach kurzer Zeit an den Darmzotten an. Dabei werden eventuell vorhandene krankmachende Erreger von den Zotten verdrängt. Die milchsäurebildenden Bakterien umhüllen rasch die Darmzotten und bilden einen Schutzschild, der das Anhaften von krankmachenden Erregern erschwert oder verhindert. Ohne Anhaftungsmöglichkeit können diese Keime keine krankmachende Wirkung entfalten.
  • Durch die Stabilisierung oder Wiederherstellung der normalen Darmflora wird die Nährstoffaufnahme aus dem Darm in den Organismus verbessert. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für die rasche Genesung nach Erkrankungen.
Durchfall schwächt den Organismus und macht anfällig für andere Infektionen – Foto:©Angelina Ströbel/pixelio.de
Durchfall schwächt den Organismus und macht anfällig für andere Infektionen – Foto:©Angelina Ströbel/pixelio.de

Wann ist die Unterstützung der Darmflora sinnvoll?

  • Bei ernährungsbedingten Darmstörungen regulieren und stabilisieren milchsäurebildende Bakterien die Darmflora. Der frühzeitige Einsatz kann eine eventuell nachfolgende, bakterielle oder virale Infektion verhindern.
  • Bei akuten, heftigen Darmerkrankungen, mit Symptomen von Durchfall mit Blutbeimengung, Koliken, Fieber, anhaltendem Erbrechen und Apathie des Hundes ist eine spezielle Behandlung durch den Tierarzt erforderlich.
  • Nach Verabreichung antibiotischer Arzneimittel, auch nach Entwurmungen, kann durch die nachfolgende Verabreichung von milchsäurebildenden Bakterien die Zeitspanne für die Regeneration der normalen Darmflora erheblich verkürzt werden. Der Behandlungseffekt wird so verbessert und das Risiko einer erneuten Darminfektion verringert.
  • In Streßsituationen kann die Verabreichung von milchsäurebildenden Bakterien aufkommende Verdauungsstörungen mildern und die Darmflora stabil halten, eine Erleichterung, wenn man mit dem Hund auf Reisen gehen will.
  • Milchsäurebildende Darmkeime, wie Enterococcus faecium, tragen dazu bei, Mangelernährung bei alternden Hunden, deren Verdauungsleistung oft beeinträchtigt ist, vorzubeugen, ebenso – in jedem Alter – Darmstörungen bei Futterwechsel.
  • Eine mit milchsäurebildenden Keimen angereicherte Aufzuchtmilch ist für Saugwelpen, die nicht mit der Milch des Muttertieres aufgezogen werden können, besonders gut verträglich. Darmstörungen wird vorgebeugt, ebenso Verdauungsproblemen, bei der Umstellung auf feste Nahrungsstoffe.

Probiotika bieten in vielen Fällen die Möglichkeit, die normale Darmfunktion des Hundes auf natürliche Weise zu stabilisieren, bzw. rasch wieder herzustellen.

Autor: Apotheker D. Meyer

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