01.06.2017 08:21 Alter: 1 Jahre
Category: Haltung und Pflege

Gebiss – Fehlstellungen – Zahnpflege & -verlust

Ein krankes Gebiss kann z.B. Ursache für Hautkrankheiten, Mundschleimhaut- und Zahnfleischentzündung, Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, ja sogar Lahmheit, Rachitis sowie Kreislaufstörungen sein. Foto:©ClipDealer.de
Ein krankes Gebiss kann z.B. Ursache für Hautkrankheiten, Mundschleimhaut- und Zahnfleischentzündung, Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, ja sogar Lahmheit, Rachitis sowie Kreislaufstörungen sein. Foto:©ClipDealer.de

Die Rassestandard-Beschreibungen, wie auch die Zuchtvorschriften des Verbandes, fordern bei allen Rassen das korrekte, vollständige, Scheren- oder Zangengebiss. Nur bei wenigen Rassen (z.B. Dt.Boxer) ist der Vorbiss rassetypisch. Zahnstellungs- und Kieferanomalien gelten demnach als zuchtausschließende Fehler, weil die erbliche Veranlagung anzunehmen, mit Sicherheit nicht auszuschließen ist. Auch der Zustand des Gebisses an sich ist von großer Bedeutung und findet selbstverständlich Berücksichtigung bei einer Ausstellungsbewertung – bis hin zum Zuchtausschluß. Vornehmlich aber bedeutet Zahngesundheit – Wohlbefinden für den Hund. Folglich ist für das Tier in erster Hinsicht ein kräftiges Gebiss, mit möglichst stabilen, bruchfesten Zähnen, einer der wichtigsten Aspekte für ein fröhliches, gesundes Hundeleben. Logischerweise sind die Erhaltung der Zahngesundheit und die Vermeidung des Zahnverlustes, für jeden Hundebesitzer selbstverständliche Aufgaben – ein Hundeleben lang.

Das Gebiss des Hundes dient sowohl dem Ergreifen und Zerkleinern der Nahrung, als auch als Verteidigungs- und Angriffswaffe. Die Mineralisierung der Zähne, Kiefer und Knochen ist bei der Entwicklung des Embryos im Mutterleib von entscheidender Bedeutung für deren Stabilität.

Eine zweckmäßige Ernährung der trächtigen Hündin, wie auch der Welpen, sowie das Fernhalten von Krankheiten und Parasiten (Verwurmung), sind die bestmöglichen Voraussetzungen für den Aufbau eines gesunden Gebisses.

In vielen Fällen hängt der allgemeine Gesundheitszustand von der vitalen Funktion des Gebisses ab. Manche Allgemeinerkrankungen sind auf krankhafte Veränderungen in der Maulhöhle zurückzuführen.

Ein krankes Gebiss kann z.B. Ursache für Hautkrankheiten, Mundschleimhaut- und Zahnfleischentzündung, Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, ja sogar Lahmheit, Rachitis sowie Kreislaufstörungen sein.

Das Normal-Gebiss ist ein sog. Scheren- oder Zangengebiss. Ein Scherengebiss ist vorhanden, wenn die oberen Schneidezähne wie eine Schere über die unteren greifen. Dabei dürfen die oberen nur so weit über die unteren hinaus vorstehen, daß man eine Postkarte dazwischen schieben kann. Mehr ist zuviel, also ein Fehler.

Beim Zangengebiss treffen sich die Kanten der oberen und unteren Schneidezähne, beißen also wie eine Zange, senkrecht aufeinander.

Leider werden sowohl in der offiziellen Kynologie, als auch im täglichen Sprachgebrauch, die beiden wesentlichen Begriffe des Über- und Unterbeißers häufig verwechselt.

Man vergegenwärtige sich nur, daß der Hund ja ausschließlich mit dem beweglichen Unterkiefer beißt. Der Oberkiefer ist folglich der feste Rahmen, in den der Unterkiefer hineinwächst und dem er sich angleicht.

Wo das nicht der Fall ist, sprechen wir von Gebissanomalien, bei denen der Oberkiefer niemals zu lang oder zu kurz ist, sondern der Unterkiefer über- bzw. unterbeißt.

Die Zahnung des Hundewelpen beginnt im Alter von ca. drei Wochen und ist etwa zwei Wochen später abgeschlossen. Dieses erste, sog. Milchgebiss, besteht aus 28 Zähnen.

Ab dem dritten Lebensmonat setzt dann die zweite Zahnung ein, die in der Regel um das 7. Lebensmonat beendet ist. Zu den 28 Milchzähnen, die ersetzt werden, kommen 14 weitere Zähne hinzu, sodaß das vollständige Gebiss des Hundes nunmehr aus 42 Zähnen besteht. Im Oberkiefer auf jeder Seite 10, im Unterkiefer auf jeder Seite 11.

Im Unterkiefer folgt hier noch ein weiterer Backenzahn M3. Der vierte Lückenzahn (P4) im Oberkiefer und der erste Backenzahn (M1) im Unterkiefer (jeweils die größten Zähne), dienen als Reißzähne.
Die Fangzähne halten die Beute fest, und während die Prämolaren größere Stücke zertrennen, dienen die Molaren zum Kauen und Zermahlen.

Seine Schneidezähne benutzt der Hund lediglich zum Benagen, zur Fellpflege und zu sonstigen Kleinarbeiten. Schon im Mutterleib, bei einer Keimlingslänge von 1,5 cm, d.h. etwa in der zweiten Woche des Embryos, treten bereits die ersten Zahnanlagen auf.

Schema des Hundesgebisses. Bild:©IRJGV/IDG
Schema des Hundesgebisses. Bild:©IRJGV/IDG

Jeder Zahn setzt sich aus drei verschiedenen Substanzen zusammen:
1. Außenliegend der Schmelz (Email),
2. darunterliegend das Zahnbein (Dentin),
3. im Wurzelbereich der ausgebildete Zement.

Diese drei Substanzen entstehen bei dem sich in der Gebärmutter entwickelnden Welpen aus zwei Keimblättern. Es bildet sich daraus eine Zahn- oder Schmelzleiste, an welcher dann Verdickungen, die Zahnknospen entstehen. Aus dieser Zahnknospe geht dann der Schmelz, die härteste Substanz des Zahnes hervor. Das Schmelzorgan umgibt jetzt die Zahnpapille, in welcher sich bald Blut- und Lymphgefäße sowie Nerven ausbilden.

Diese Milchzahnanlage wird von Bindegewebe umhüllt, welches das Zahnsäckchen darstellt und über das die Zahnanlage mit der Umgebung verbunden ist. Aus der Zahnpapille entwickelt sich die Zahnpulpa und etwa zur selben Zeit beginnt die Produktion von Dentin, der Hauptmasse des Zahns. Der Durchbruch erfolgt bei den Milchschneidezähnen (1-3) mit 4 bis 6 Wochen, dem Eckzahn mit 3 bis 5 Wochen, den 2. und 4. Milchprämolaren mit 5 bis 6 Wochen.

Die Anlagen der bleibenden Zähne sind anfänglich nur durch eine knöcherne Wand von den Milchzähnen getrennt, die dann durch besondere Zellen, den sog. Osteoklasten, aufgelöst wird. Dadurch lockert sich der Milchzahn und der sich ständig vergrößernde Ersatzzahn schiebt in der Folgezeit den Milchzahn vor sich her, bis es schließlich zum Zahnwechsel kommt.

Der Wechsel erfolgt bei den Schneidezähnen mit 3 bis 5 Monaten, den Canini mit 5 bis 7 Monaten, und den 2. und 4. Prämolaren mit 5 bis 6 Monaten, während der erste Prämolar ohne Milchzahnvorläufer, mit 4 bis 5 Monaten durch das Zahnfleisch bricht.

Eine besondere Entstehung zeigen die Molaren, die letzten Backenzähne, denen Milchzähne als Vorläufer fehlen. Sie erscheinen im Alter von 4 bis 5 Monaten (M1), 5 bis 6 Monaten (M2), 6 bis 7 Monaten (M3, nur im Unterkiefer).

Der Chinese Crested Dog – Häufig leiden Schopf- und Nackthunde an Zahnverlust oder angeborener Zahnunterzahl, weil diese eng an die Dominanz des Haarverlustes geknüpft ist; sogar eine weitgehende Nichtanlage ganzer Zahngruppen kann zu finden sein. Foto:©Tomachha/Wikimedia Commons
Der Chinese Crested Dog – Häufig leiden Schopf- und Nackthunde an Zahnverlust oder angeborener Zahnunterzahl, weil diese eng an die Dominanz des Haarverlustes geknüpft ist; sogar eine weitgehende Nichtanlage ganzer Zahngruppen kann zu finden sein. Foto:©Tomachha/Wikimedia Commons

Genetisch bedingte – angeborene Zahnanomalien

In jedem Stadium der Entwicklung sind Störungen in der Bildung der Zahnsubstanzen möglich; aber auch zahlreiche angeborene, genetisch bedingte Zahnanomalien können vorkommen. So ist der Vererbungsmodus einiger Hypodontien (Zahnunterzahl) dominant. Beispielsweise ist beim Nackthund die Zahnunterzahl an die Dominanz des Haarverlustes straff gekoppelt. Als Fehlentwicklungen sind Abweichungen von der normalen Anzahl der Zähne festzustellen. Entweder fehlen Zähne (Oligodontie), oder es sind zu viele Zähne ausgebildet (Polyodontie). Eine größere klinische Bedeutung hat die Oglio- oder Hypodontie, bei der einzelne Zähne nicht angelegt sind. Eine Pseudooligodontie liegt dann vor, wenn die Zähne sich zwar entwickelt haben, aber nicht durch das Zahnfleisch durchgestoßen sind. Vorliegenden Studien zufolge tritt die Oligodontie häufiger auf, als die Polyodontie; das Fehlen von Zähnen wird im Unterkiefer zudem häufiger festgestellt, als im Oberkiefer. Es bereitet auch oft Schwierigkeiten festzustellen, ob eine erworbene, oder angeborene Zahnunterzahl vorliegt.

Vergleicht man die Zahnformel für Säuger mit der Zahnformel für Hunde, fällt auf, daß eine Rückbildung des M3 im Oberkiefer eingetreten ist. Und, diese Rückbildungsvorgänge sind noch nicht abgeschlossen, denn es fehlen oft M3 im Unterkiefer und nicht selten fehlen ebenso Prämolaren, der P1 dabei am häufigsten. Der Verlust des P1 wurde schon bei etwa 3000 Jahre alten ägyptischen Hundemumien festgestellt.

Zweifellos ist die Rückbildung des Gebisses, das Fehlen von Zähnen, auf Vererbung zurückzuführen. Es hat jedoch den Anschein, daß eine seit Jahrtausenden andauernde, evolutionär bedingte Rückbildungstendenz des „Fleischfresser-Backengebisses“ (vor allem auch des Hundes) diese Entwicklung bestimme. Sie findet sich sogar bei Wölfen.

Diese erbliche Entwicklung wurde auch bei der Zucht bestimmter Rassen bewußt in Kauf genommen. Wenn die Zucht kleinster Rassen bewußt und damit mit erblichen Defekten in Größe, Körperbau und auch Gebiß erlaubt wird, wenn „Zuchtziele“ und „Rassestandards“ körperliche Mißbildungen als Rassemerkmal herausstellen, dann ist die Beurteilung eines Prämolarenverlustes als „zuchtausschließender Fehler“ ein Widerspruch. Bei verschiedenen Rassen, auch bei Gebrauchshunden (z.B. Dt.Boxer) wird der „Vorbiß” als “rassetypisch” angesehen; viele andere Rassen hätten ohne Kiefer- und Gebißanomalien nicht ihr „rassetypisches Aussehen“.

Kauend die Zahnreinigung unterstützen vermögen heutzutage sogenannte Zahnpflegeriegel, die es in unterschiedlichen Größen für den jeweiligen Hundekiefer passend gibt. Foto:©ClipDealer.de
Kauend die Zahnreinigung unterstützen vermögen heutzutage sogenannte Zahnpflegeriegel, die es in unterschiedlichen Größen für den jeweiligen Hundekiefer passend gibt. Foto:©ClipDealer.de

Hyper- bzw. Polyodontien sind hauptsächlich in extrem nasenlosen, brachyzephalen, verzwergten Hunderassen mehr als in anderen zu finden. Speziell bei Zwerghunderassen kann es sogar durch das Stehenbleiben von Milchzähnen zur Ausbildung doppelter Zahnreihen kommen. In selteneren Fällen kann es zu einer sogenannte Zahnretension (Zurückhaltung) kommen, unter der man das Unvermögen des Zahnes versteht, das Zahnfleisch zu durchbrechen.

Neben den weiteren Abweichungen des Vor- und Hinterbisses, treten auch Veränderungen in der Struktur einzelner Zähne auf. Besonders Schmelzdefekte werden dabei beobachtet, wobei es durch erbliche Mineralisationsdefekte zu Zahnschmelzanomalien kommen kann. Solche defekte Zähne werden vom Hundebesitzer oft als Staupezähne oder Staupegebiß bezeichnet.

Diese Schmelzdefekte können „grübchenartig“ aussehen und die Zahnoberfläche kann wie angebohrt erscheinen. Oft setzen sich diese Defekte auch noch auf das Dentin fort. Jede Erkrankung der trächtigen Hündin, begleitet von Ernährungsstörungen der sich entwickelnden Welpen, ist in der Lage, Schmelzdefekte bei den Welpen zu erzeugen.

Eine andere Ursache für Zahnschmelzschäden (Schmelzhypoplasien) ist eine Staupeinfektion. Diese Erkrankung mit dem Staupevirus und den hohen Temperaturen von 40°C und höher, führt zu Entwicklungsstörungen der noch nicht ausgeformten, bleibenden Zähne und erst nach Ausheilung der Staupe, wenn die bleibenden Zähne durchbrechen, werden die Defekte sichtbar.

Das schädigende Agens muß eine gewisse Intensität und Dauer haben, um wirksam zu werden und außerdem ist der Zeitpunkt der Einwirkung im Hinblick auf das Entstehen bzw. auf das Entwicklungsstadium der Zahnanlage von Bedeutung. Das sog. Staupegebiß ist sehr schwer anzugehen, denn es setzt dabei schnell und massiv Zahnstein an und ist besonders für Karies anfällig.

Auch rassische Unterschiede im Zeitpunkt des Zahndurchbruches und selbst die Zahnstellung – beispielsweise, unterliegen genetischen Steuerungen. Offenbar bestehen auch Beziehungen zwischen der mittleren Lebensdauer einer Rasse und dem Durchbruch der permanenten Zähne.

Bei großen Rassen mit kürzerer Lebensdauer, brechen sie eher durch als bei kleinen, die ein höheres Alter erreichen. Selbst die Zahngröße soll genetisch fixiert sein.

von Dr.J.Mayer

Die regelmäßige Kontrolle der Zähne seines Hundes ist wichtig! Foto:©ClipDealer.de
Die regelmäßige Kontrolle der Zähne seines Hundes ist wichtig! Foto:©ClipDealer.de

Der regelmäßige Kontrollblick auf das Gebiss seines Hundes, sollte jedem Hundehalter wichtig sein. Verfärbungen auf den Zähnen und der hier sichtbare, charakteristische “rote Saum” des Zahnfleisches, der die Zähne umgibt, deutet auf eine beginnende Zahnfleischentzündung hin und läßt in der Folge Probleme des kompletten Zahnhalteapparates erwarten. Abhilfe kann also nur regelmäßige Zahnpflege (von Beginn an) schaffen. Dies hat auch zum Vorteil, daß mögliche Verletzungen und Zahnverlust umgehend entdeckt werden.

Für Zuchthunde, oder solche, dies es werden sollen, ist jeder Zahnverlust im bleibenden Gebiss folgenschwer. Nur ein Tiermediziner kann und darf bestätigen, daß z.B. der P3 korrekt und einwandfrei im Gebiss des Hundes vorhanden war und durch Verletzung (wie etwa durch Kauen auf harten Gegenständen) verloren ging. Kann ein solches Attest vom Tierarzt nicht in eindeutiger Aussage vorgelegt werden, droht sogar der Zuchtausschluß. Im übrigen kann sich der Hundehalter lebhaft vorstellen, daß eine durchaus ernsthafte Verletzung mit Zahnverlust, seinem vierbeinigen Freund schmerzhafte Probleme bereiten kann. Restliche im Kieferknochen zurückgebliebene Zahnfragmente oder Wurzeln bilden den idealen Nährboden für weitere Infektionsherde und stellen damit eine generelle Gefahr der allgemeinen Hundegesundheit dar.

Zurück zum Zahnverlust und der Beurteilung bei Veranstaltungen durch Verbandsrichter: Legt der Hundehalter am Veranstaltungstag für seinen Hund die eindeutig nachvollziehbare, tierärztliche Bestätigung vor, daß z.B. im Unterkiefer der linke I3 verletzungsbedingt fehlt, kann ein Formwert bis sehr gut oder vorzüglich erworben werden. Anwartschaften und die Teilnahme an der Siegerausscheidung sind allerdings NICHT möglich; die Zuchtfreigabe wird dadurch aber nicht beschränkt.

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